Auslandsjahr in Peking

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China - einfach nur atemberaubend

von Maximilian Maydt (Sinologiestudent der FAU)

Seit Anfang September 2010 befinde ich mich im Zuge meines einjährigen Auslandsaufenthaltes in Peking an der Beijing Foreign Studies University Auslandsjahr in Peking(kurz Beiwai 北外 genannt). Allein Peking ist bereits sehr beeindruckend und es verschlägt einem immer wieder die Sprache, wenn man den Campus verlässt und ein wenig hinausgeht, doch egal an welchem Ort man sich in China befindet, das Land ist in aller Regel einfach nur atemberaubend. Zu Beginn meines Chinaaufenthaltes bin ich von Deutschland aus zuerst nach Shanghai geflogen, um die Weltausstellung zu besuchen.

Die Besuchermassen, die dort herumliefen, lassen sich kaum in Worte fassen. Täglich strömten mehrere hunderttausend Menschen auf das Expogelände, die meisten von ihnen, um einen Eindruck von möglichst vielen Ländern zu bekommen, in die sie wohl niemals werden reisen können. In China haben zwar immer mehr Menschen das Geld, sich ein Auto zu kaufen, aber bei weitem nicht so viele können sich eine Reise nach Europa leisten. Da mich mein Gesicht sofort als Westler verrät und ich zudem durch meine Körpergröße in China relativ stark auffalle, war ich auf der Expo ein beliebtes Fotomotiv, vor allem für chinesische Besucher, die noch nicht so viele Ausländer gesehen haben, also nicht aus Shanghai, Peking oder Guangzhou kamen. In einer Warteschlange fragte mich eine Familie aus der Inneren Mongolei, ob man in Deutschland auch reite. Es war gar nicht so leicht zu erklären, dass dies in Deutschland eher eine Freizeitbeschäftigung ist und nicht der regelmäßigen Fortbewegung dient.

Die größte Hürde in Shanghai war wohl, ein Zugticket zu kaufen. Die Dame am Schalter sprach leider nur recht undeutliches Chinesisch mit südlichem Akzent. Nach zähen Verhandlungen hatte ich schließlich eine Fahrkarte für den gewünschten Tag, um nach Peking zu kommen. Während der Zugfahrt lernte ich einen älteren Herren kennen, mit dem ich mich ein wenig unterhielt. Nach der Ankunft am Pekinger Südbahnhof empfahl er mir, kein Taxi zur Beiwai zu nehmen, sondern besser mit der U-Bahn zu fahren. Ich kannte mich in Peking zwar überhaupt nicht aus, aber befolgte seinen Rat. Er suchte mir sogar noch die richtige Station heraus. Dort angekommen, machte ich mich auf die Suche nach der Beiwai. Kurz darauf traf ich eine Frau, die so freundlich war, mich bis zum Tor der Universität zu bringen. Da es noch ein paar Tage bis zur Einschreibung waren, befanden sich nur wenige Studenten auf dem Campus. Ich begann zu fragen, wo sich das Wohnheim für Auslandsstudenten befindet, in dem ein Zimmer für mich reserviert sein musste. Glücklicherweise traf ich wieder jemanden, der mir half: Ein chinesischer Erstsemester der Germanistik, der ebenfalls erst gerade eingetroffen war, suchte mit mir das entsprechende Wohnheim. Ohne ihn hätte ich es an diesem Tag wohl nicht mehr geschafft. Es war bereits dunkel und meine Müdigkeit nach zehn Stunden Zugfahrt nahm allmählich überhand.

n den folgenden Monaten hatten wir nicht nur Chinesischunterricht, sondern es fanden auch immer wieder Ausflüge und Unternehmungen statt. Gleich zu Semesterbeginn besuchten wir die Große Mauer. Ende September charterte die Beiwai dann sechs Busse, um mit über 250 Auslandsstudenten nach Chengde 承德 zu fahren. Sei es auf Reisen oder in Peking, eine gute Möglichkeit China und seine Kultur kennenzulernen ist sicherlich das Essen. Kommt eine Gruppe zusammen, um gemeinsam zu essen, wird in der Regel eine Vielzahl an Gerichten aufgetischt, von denen sich dann jeder etwas nehmen kann. Das chinesische Essen, das man in Deutschland bekommt, hat nicht viel gemein mit dem Essen in China. Offiziell gibt es acht verschiedene chinesische Küchen. Hinzu kommen weitere regionale Spezialitäten und Küchen (z.B. Essen aus Xinjiang). Meiner Meinung nach ist nicht nur das Essen in chinesischen Restaurants lecker, sondern auch in den Mensen der Beiwai. Die Hauptmensa der Universität hat vier Stockwerke und in jedem gibt es etwas anderes. In einem werden z.B. frische Nudeln gemacht, in einem kann man sich Spieße braten lassen, in einem anderen bestellen die Studenten aus ein paar Dutzend Gerichten das Gewünschte, worauf es dann direkt im Wok zubereitet wird.

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Besonders viel über das Land lässt sich erfahren, wenn man auf Reisen ist und mit den Leuten spricht. In Peking habe ich festgestellt, dass die meisten Angestellten in Einkaufszentren keine Pekinger sind. Sie kommen überwiegend aus den nördlichen Provinzen Chinas, um in der Hauptstadt zu arbeiten. Von vielen Seiten habe ich auch schon Klagen über die ständig steigenden Immobilienpreise gehört. Viele Gutverdienende kaufen sich nicht nur eine Wohnung, sondern gleich mehrere, wohnen selbst jedoch nur in einer. Es soll in vielen Städten Chinas Hochhäuser geben, die nachts komplett dunkel sind, weil alle Wohnungen leerstehen. Ein paar Jahre später verkaufen die Eigentümer dann die Wohnungen mit einer kräftigen Rendite an die wachsende Zahl der Wohnungssuchenden. Eine Lehrerin meinte kürzlich im Unterricht, dass diese Entwicklung wohl immer so weitergehen werde. Ich wandte ein, dass dies nicht möglich sei, sondern irgendwann eine Grenze erreicht sein müsse. Sie meinte daraufhin nur: Nein, das gehe immer so weiter.

Auch wenn die Lehrerin anderer Meinung ist, wird es wohl in absehbarer Zeit einen Punkt geben, an dem die tatsächlich Wohnungssuchenden die horrenden Preise nicht mehr bezahlen können und dann manche Eigentümer keine Abnehmer mehr finden werden. Laut der Lehrerin haben sich jedoch bereits Bezeichnungen für betroffene Personengruppen herausgebildet: Ein fangnu 房奴 (wörtl. „Wohnungssklave“) ist jemand, der fast sein gesamtes Gehalt zum Abbezahlen einer Wohnung aufwenden muss. Die yueguangzu 月光族 ist die Gruppe von Menschen, die zu jedem Monatsende ihr gesamtes Gehalt ausgegeben haben und aufs neue „blank“ (光) dastehen. Außerdem gibt es noch die kenlaozu 啃老族 (wörtl. „Gruppe, die an den Betagten knabbert“). Dazu gehören diejenigen, die von ihren Eltern Geld holen, weil das eigene Gehalt zum Leben nicht mehr ausreicht.

Hochinteressant ist auch die Verkehrssituation in Peking: Es gibt hunderte Buslinien, sechs Ringstraßen und einen massiven Ausbau der U-Bahn. Je nach Endziffer des Autokennzeichens darf man sein Fahrzeug an einem Werktag zwischen 8.00 und 20.00 Uhr nicht benutzen. Dadurch wird die Verkehrslast zu den Stoßzeiten bereits um ein Fünftel reduziert. Hinzu kommt, dass von Montag bis Freitag tagsüber sämtliche Autos, die nicht das Hauptstadtkennzeichen (京) haben, generell von den Straßen innerhalb des vierten Rings ausgeschlossen sind. Trotz aller dieser Maßnahmen steht allerdings jeden Morgen und Abend der Verkehr kurz vor dem Kollaps. Busse und U-Bahnen sind zu dieser Zeit ebenfalls überfüllt. Von einem Taxifahrer habe ich kürzlich erfahren, dass die Verkehrslast sogar noch weiter zunimmt. Jeden Monat werden etwa 20.000 zusätzliche Fahrzeugzulassungen für Peking erteilt. Auf der anderen Seite gibt es jedoch auch Positives. Aufgrund der Olympischen Spiele wurden unzählige Bäume gepflanzt, Grünstreifen angelegt und Zweitaktmotoren aus der Stadt verbannt. Überall surren Elekroroller und Elektrofahrräder durch die Straßen. In diesem Bereich scheint Peking ziemlich fortschrittlich zu sein, auch wenn es keinen Kurier- und Paketservice mit richtigen Lieferwägen gibt, sondern Postsendungen in der Regel mit Elektrodreirädern ausgeliefert werden.

Aufgrund einiger Reisen durch das Land und den Aufenthalt in Peking kann ich sagen, dass es sich auf alle Fälle lohnt, nach China zu kommen und sich das Land selbst anzuschauen. Jede Region ist anders und hat ihre ganz eigenen Besonderheiten. Mir persönlich bleiben noch ein paar Monate, ehe es wieder zurück nach Deutschland geht. Bis dahin hoffe ich, noch möglichst viele Eindrücke und Erfahrungen in China sammeln zu können.

 

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