Akupunktur für Delfine - wie funktioniert das überhaupt?

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von Renée Gringmuth (4. Mastersemester) 

Yeliu ist ein kleiner Ort nordöstlich von Taipei, der vor allem wegen seines Geoparks von Touristen und Ausflüglern frequentiert wird. Jedoch ist der Park nicht das einzig Sehenswerte in diesem Hafenort. Direkt neben dem Parkeingang ist das Aquarium Yeliu Ocean World (http://www.oceanworld.com.tw/), eines der ersten großen Aquarien Taiwans. Es wurde 1985 erbaut und wird demnächst saniert. Es beherbergt eine große Vielfalt verschiedener Meeresbewohner, inklusive eines Delfinariums.

Yeliu-Ocean-WorldIch befinde mich derzeit in Taipei an der Academia Sinica, um für meine Masterarbeit zu recherchieren, und in diesem Zusammenhang hatte Herr Professor Matten mir noch in Deutschland einen Artikel gezeigt, in dem über die Akupunkturbehandlung von Walen und Delfinen in der Yeliu Ocean World gesprochen wurde. Kurzum habe ich meinen Notizblock und meine Kamera gepackt, um einfach dorthin zu fahren und mich zu erkundigen, ob es möglich wäre, erklärt zu bekommen – oder auch gezeigt – wie eine Delfinakupunkturbehandlung aussieht. Ich hatte zuvor weder angerufen, noch eine E-Mail geschrieben, da ich mir nicht ganz sicher war, an wen ich mich wenden sollte. Das Problem löste sich jedoch schnell, denn als ich mein Anliegen vortrug, stellte man mich dem Cheftierarzt des Aquariums vor, Herrn Dr. Richard Chen.
Dr. Chen, ein studierter Tierarzt der konventionellen Tiermedizin, begann vor 20 Jahren damit in die gängigen westlichen Behandlungsmethoden traditionelle chinesische Medizin (TCM) mit einzuführen, da es bei Meeresbewohnern zum Beispiel manchmal besser funktioniert, eine Wunde mit Yunnan baiyao 云南白药 – eine in ein Tuch gewirkte Medizin – zu behandeln, als Antibiotika zu verabreichen. Die Resultate sind bei dieser Art der Arzneigabe binnen weniger Tage so gut, dass die Wunde sich dann bereits zu schließen beginnt.
Dr. Chen nahm sich bei unserem ersten Treffen ganze 2 Stunden Zeit, um mir alle meine Fragen zu beantworten und von der Entwicklung der TCM bei Meeressäugern zu erzählen. Er selber gehört mit zu den Pionieren, denn vor 20 Jahren gab es Akupunktur bei einem Delfinnoch keinerlei nennenswerte Fachliteratur zur Delfinbehandlung, von Schildkröten und Seelöwen ganz zu schweigen. So wandelte er Rezepte und Behandlungen aus der humanen TCM ab, um sie an seine Patienten anzupassen.
Die Arzneien stellt das Aquarium selbst her, es verfügt dazu über eigene Gerätschaften. Vor allem zu Beginn der Wiedereinführung von TCM in die Veterinärmedizin wurden Zutaten oder Mischungen oft von China mitgebracht, was zu Folge hatte, dass die Menge, die einzelne Ärzte mitnehmen konnten, recht gering war. Nun kann Dr. Chen seine Arzneien selbst herstellen und muss nicht extra aufs Festland reisen. Diese Pulver und Kapseln funktionieren sogar so gut, sagt Dr. Chen, dass er heute hauptsächlich mit TCM behandelt. Das gilt für die Tiere des Aquariums und auch für die wilden Delfine, Schildkröten und Wale, die zur Behandlung eingeliefert werden.
Zwei weitere Behandlungsarten sind Akupunktur und Moxibustion.

Ich konnte es mir kaum vorstellen, dass Meeressäuger sich einfach eine Akupunkturnadel unter die Haut setzen lassen, aber Dr. Chen überzeugte mich bei unserem ersten Treffen mit vielen Fotos, die er auf Kongressen zu eben diesem Thema schon viele Mal überall auf der Welt gezeigt hatte.
Der große Seelöwe des Aquariums ist schon recht alt und der unterste Teil seiner Wirbelsäule – der Teil, auf dem die Showtiere immer stehen – zittert offenbar oft vor Anstrengung. Um dieses Zittern zu behandeln, verwendet Dr. Chen elektrische Akupunkturnadeln, die an die jeweiligen Punkte gesetzt werden und mit Strom versorgt werden. Das Zittern ist um fast 50 % gesunken, während der Vorführung habe ich nichts davon bemerkt.
Selbiger Seelöwe hatte auch Pocken, die erfolgreich mit Akupunktur und Kräutern behandelt wurden. Das Resultat war sogar für mich, die Akupunkturerfolge bei Pferden und Hunden miterlebt hat, verblüffend.
Aber nicht nur die in Gefangenschaft lebenden Tiere nehmen diese Behandlung gut an, sondern auch gestrandete Delfine und Wale. Sogar Schildkröten behandelt Dr. Chen mit Akupunkturnadeln.

Akupunktur bei einer Schildkröte

(Bildquelle: http://www.vetlord.org/acupuncture-in-sea-turtles/)


Leider werden nicht alle gestrandeten Tiere behandelt und wieder in die Freiheit entlassen. Dr. Chen erzählt mir, dass viele Tiere, die gefunden werden, im Sterben liegen und die Akupunkturbehandlung nur noch zur Schmerzlinderung angewandt werden kann. Die Gründe für die Verendung vieler Meeressäuger sind zahlreich – Schmutz, Schiffsschrauben und Netze -, deshalb ist Dr. Chen nicht nur als Tierarzt beschäftigt, sondern reinigt mit anderen Mitarbeitern regelmäßig die Steinküste von Müll und Dreck, um Vögeln und Landtieren einen möglichen Tod zu ersparen.

Noch viel erstaunlicher als Akupunktur ist die Behandlung mit Moxibustion, einer Behandlungsmethode, die schwelende Kräuterstümpfe auf Ingwerscheiben nutzt, um durch die Hitze die Wirkstoffe der Arznei in die Haut auf die Akupunkturpunkte zu übertragen. Sie wird auch bei Delfinen angewandt.

 


Akupunktur bei einem DelfinBei meinem zweiten Treffen, zu dem mich Dr. Chen einlädt, darf ich live miterleben, wie Elektroakupunktur und Moxibustion an zwei Delfinen des Aquariums angewandt werden. Tatsächlich ist es bei den Tieren, die in Gefangenschaft eine Beziehung mit ihren Trainern aufgebaut haben und sehr vertrauensvoll aus dem Wasser kommen, überhaupt kein Problem eine Akupunkturnadel zu setzen. Sie bleiben ruhig neben ihren Trainern liegen, nehmen die Fische, die sie als Belohnung erhalten, entgegen und lassen die Nadeln einfach setzen.

Danach werden bei der Elektroakupunktur Elektroden an die Nadeln geklemmt, die im Übrigen nicht sonderlich lang oder dick sind.
Der Delfin blieb während der gesamten Behandlung ruhig liegen, atmete ein paarmal stoßweise aus, entspannte sich jedoch schnell wieder. Er schloss sogar die Augen, obwohl eine fremde Westlerin direkt neben ihm kniete und Fotos schoss.
Die Tiere sind äußerst neugierig und erkennen sofort, wenn sich jemand Fremdes dem Becken nähert. So wurde ich von mehreren Delfinen beäugt, als ich durch die Beckenlandschaft ging.

Nach der Akupunkturbehandlung folgte eine Moxibustion an einem anderen Tier. Dabei wurden kurze Moxa-Stümpfe entzündet und auf Ingwerscheiben auf die entsprechenden Akupunkturpunkte gelegt.

Auch der hier behandelte Delfin blieb ruhig liegen und ließ sich die Behandlung gefallen.
Nach dieser äußerst spannenden Demonstration zeigte mit Dr. Chen noch, wie die Trainer sich regelmäßig mit den Tieren beschäftigen und eine Art Ganzkörpercheck durchführen. Dazu kommen die Tiere an den Beckenrand Moxibustion und lassen sich gründlich durchstreicheln und abtasten. Es scheint ihnen sehr zu gefallen, denn sie protestierten recht lautstark, als die Prozedur beendet wurde. Dr. Chen erklärt, dass es wichtig ist, eine Beziehung zu den Tieren aufzubauen, denn unter Zwang ist eine sinnvolle Behandlung mit TCM nicht möglich.
Mein Gespräch und die Demonstration mit Dr. Chen waren äußerst lehrreich und hilfreich. Er zeigte sich sehr an meinem eigenen Masterarbeitsthema interessiert und erzählte über sein eigenes Forschungsinteresse: Wale in den religiösen Praktiken und der Geschichte Taiwans und Chinas.

 


English abbreviated version:

Yeliu Ocean World is an aquarium located in the Northeast of Taipei city. It holds a large quantity of sea life including three dolphins and two sea lions. Dr. Richard Chen is the veterinarian of this place and he treats his patients with a mixture of conventional Western medicine and traditional Chinese medicine TCM.
I met with him for two hours without appointment and he still took the time out of his day to answer my questions and to explain what exactly he is doing.
In short, he is using acupuncture, moxibustion and herbal treatments on sea mammals, such as turtles, dolphins, wales and sea lions. He started using TCM as a treatment 20 years ago and has achieved phenomenal results. He even travels around the world and talks about his way of Moxibustiontreatment. Needless to say, that 20 years ago nobody had thought of using TCM on sea mammals, which means that Dr. Chen had to alter human TCM treatments to fit his animal patients. Seeing that today he treats pox and fatigued joints and muscles successfully with acupuncture, one cannot but admire this development.
After my first visit Dr. Chen invited me for a second time, to witness a demonstration of acupuncture and moxibustion with dolphins. He showed me how he applied needles and electrodes on a dolphin’s back. Also, he demonstrated moxibustion with slices of ginger. The dolphins were very relaxed throughout the whole procedure and seemed to be very much at ease with it.
My talk with Dr. Chen was very informative and helpful for my own research and I hope that there will be more development in traditional Chinese veterinarian medicine for any kind of animal, as its results speak for themselves.


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