Geschichte der Sinologie und Japanologie in Erlangen

von Prof. emeritus Dr. Wolfgang Lippert im Frühjahr 2010

Die Sinologie wie auch die Japanologie sind in Erlangen noch sehr junge Fächer. Der Begründer der Sinologie war Hans Steininger (geb. 1920 in Breslau, gest. 1990 in Würzburg). Seine Ausbildung in der ostasiatischen Philologie erhielt er an der Universität Leipzig. Im September 1951 promovierte er in Erlangen, im Januar 1952 wurde er Lehrbeauftragter in Erlangen, und nach einigen Jahren einer Tätigkeit als wissenschaftlicher Assistent am Seminar für Orientalische Philologie in Erlangen, in deren Verlauf er sich 1960 mit einer Schrift über den taoistischen Philosophen Kuan Yin-tzu habilitierte, wurde er im Mai 1960 Privatdozent für Sinologie, 1962 Universitätsdozent für Sinologie.

Da Steininger 1965 einen Ruf an den Lehrstuhl für Philologie des Fernen Ostens an der Universität Würzburg annahm, wurde im Jahr 1967 Heinz Friese (geb. 1931 in Mukden, gest. 1975 in Erlangen) an den neu gegründeten Lehrstuhl für Sinologie an der Universität Erlangen-Nürnberg berufen. Er hatte seine Ausbildung in Sinologie an der Humboldt-Universität in Ostberlin begonnen und sie mit der Promotion 1957 in Hamburg abgeschlossen. Nach einem zweijährigen Forschungsaufenthalt in Japan und einem weiteren einjährigen Aufenthalt in Taiwan war er zum Dozenten für Sinologie in Hamburg ernannt worden. Seine 1963 abgeschlossene Habilitationsschrift mit dem Titel „Die politische Rolle der Eunuchen in der Ming-Zeit (1368 – 1644)“ weist ihn als Kenner der chinesischen Geschichte und Gesellschaft wie auch der chinesischen Geistesgeschichte aus.

Friese stand neben einem Assistenten und der Stelle eines Lektors für Chinesisch eine halbe Lektorenstelle für Japanisch zur Verfügung. Trotz glänzender sprachlicher und historischer Kenntnisse verlief seine Tätigkeit in Erlangen infolge gesundheitlicher Probleme wenig glücklich und fand 1975 durch einen tragischen Unfalltod schon bald ihr Ende.

Nachdem Hans Steininger von Würzburg aus den Rest des Semesters für Heinz Friese vertreten hatte, übernahm Wolfgang Lippert (geb. 1932 in Höckendorf) von Tübingen aus, teils als Lehrbeauftragter, teils als Lehrstuhlvertreter, die Betreuung des Erlanger Lehrstuhls vom Wintersemester 1975 ab.

Unabhängig von Heinz Frieses Ableben ergab sich im Sommersemester eine organisatorische Veränderung innerhalb der Asienwissenschaften: die Lehrstühle für „Islamwissenschaft und Semitische Philologie“ und „Sinologie“ wurden in einem „Institut für Außereuropäische Sprachen und Kulturen“ zusammengefasst.

Wolfgang Lippert, der sich im Jahre 1976 mit einer Schrift unter dem Titel „Entstehung und Funktion einiger chinesischer marxistischer Termini – der lexikalische und begriffliche Aspekt der Rezeption des Marxismus in Japan und China“ habilitierte, wurde im November 1978 zum Inhaber des Lehrstuhls für Sinologie in Erlangen ernannt und hatte diese Stellung bis 1997 inne. Die Schwerpunkte seiner Forschungen liegen auf dem Gebiet der chinesischen Sprachwissenschaft und der neuzeitlichen chinesischen Geschichte und Soziologie.

Ebenso wie Friese hatte auch Lippert Sinologie an der Humboldt-Universität in Ostberlin studiert und, nachdem er das „Verbrechen der Republikflucht“ kurz vor dem Bau der Mauer in Berlin im Sommer 1961 begangen hatte, seine Promotion an der Universität Frankfurt am Main abgeschlossen. Seine ersten Erfahrungen in der fernöstlichen Lebenswelt machte er während einer fünfjährigen Tätigkeit am Goethe-Institut in Osaka (Japan)

1983 wurde als zweiter Professor für Sinologie Klaus Flessel (geb. 1940 in Recklinghausen) berufen. Er kommt aus der Tübinger Schule der Sinologie. Im Zentrum seiner Forschungen stehen die materielle Kultur und Volkskultur im traditionellen China und die Geographie Ostasiens. Er habilitierte sich 1983 mit einer Schrift mit dem Titel „Das Militär im Nord-Sung-Reich“.

Entsprechend den wirtschaftlichen Reformen in der Volksrepublik China wuchs während der Amtszeit beider Professoren das öffentliche Interesse in Deutschland an China beträchtlich an, was sich in steigenden Studentenzahlen ausdrückte.

In den Erlanger fernöstlichen Studien ergab sich in dieser Zeit eine bedeutsame Erweiterung durch die Einführung der Japanologie. Erste Ansätze zur japankundlichen Lehrtätigkeit in Erlangen hatte es bereits ab 1958/59 gegeben, und zwar durch Walter Donat (geb. 1898 in Rathenow, gest. 1970 in Erlangen). Er war in Japan viele Jahre (1925-1941) Dozent für deutsche Sprache und Kultur gewesen, zuletzt als Leiter des Japanisch-Deutschen Kulturinstituts in Tokyo, später war er in Deutschland Dozent für Japanologie und Leiter der Ostasienabteilung des Deutschen Auslandswissenschaftlichen Instituts, wurde aber 1945 entlassen. Von 1958 ab war er Lehrbeauftragter für Japankunde in Erlangen und Würzburg. 1966 erhielt er die Rechte eines emeritierten ordentlichen Professors für Japanologie in Erlangen.

Nach diesem japanologischen Zwischenspiel in Erlangen trat eine längere Pause ein, in der nur die Lektorin für Japanisch tätig war. Im Anfang der achtziger Jahre übernahm die Münchner Japanologin Ingelore Kluge wöchentlich vier- bis sechsstündige Lehraufträge für Japanologie in Erlangen. Dadurch wurde das Studium der Japanologie in Erlangen möglich, das aber darauf begrenzt war, dass Japanologie nur als Nebenfach für die Magisterprüfung gewählt werden konnte.

Erst mit der Einrichtung eines japanologischen Lehrstuhls im Jahre 1990 wurde Japanologie in Erlangen ein voll gültiges Fach. Auf den Lehrstuhl berufen wurde Peter Ackermann (geb. 1947 in Bern). Er hatte in Bern, Zürich und an der International Christian University in Tokyo Japanologie studiert. Sein Forschungsschwerpunkt war neben der Japanologie die Musikwissenschaft / Ethnomusikologie und die Interkulturelle Kommunikation. Im Jahre 1989 habilitierte er sich an der Universität Zürich im Fache Japanologie mit der Schrift „Kumiuta – Traditional Songs for Certificates“. Die Forschungsgebiete von Peter Ackermann lassen sich charakterisieren als Theorie und Praxis des Umgangs mit der japanischen Sprache, japanische Liedtext- und Musikforschung, kulturanthropologische Studien zu Japan und japanische Geistesgeschichte.

Nach der Pensionierung von Wolfgang Lippert ergab sich eine längere Pause, bis ein geeigneter sinologischer Nachfolger gefunden wurde. Ein Jahr lang übernahm Lippert selbst die Lehrstuhlvertretung, im nächsten Jahr war Frau Monika Motsch vom Seminar für Orientalische Sprachen bei der Universität Bonn in dieser Funktion tätig, danach folgte Peter Hoffmann von der Universität Tübingen.

Im Wintersemester 2000 wurde Michael Lackner (geb. 1953 in Bamberg) auf den sinologischen Lehrstuhl der Universität Erlangen-Nürnberg berufen. Lackner hatte Sinologie an der Universität München studiert, und unter dem Einfluss seines Lehrers Wolfgang Bauer ging seine Spezialisierung in die geisteswissenschaftliche Richtung. Neben der neokonfuzianischen Philosophie der Song-Zeit galt sein Interesse besonders dem Wirken der jesuitischen Missionare im China der Qing-Zeit. Dieser letztere Forschungsschwerpunkt wird besonders in seiner Habilitationsschrift „Western Humanism in Jesuit Teachings in China“ (1990) deutlich. Zur Zeit seiner Berufung arbeitete Michael Lackner an einem Projekt, das konzeptuellen und sprachlichen Neuerungen im China der Qing-Zeit gewidmet ist.

Etwa gleichzeitig mit der Pensionierung von Klaus Flessel wurde Thomas Fröhlich (geb. 1966 in Zürich) als zweiter Professor für Sinologie berufen, dessen Hauptarbeitsgebiete im Bereich der Geistesgeschichte im neuzeitlichen China liegen. Im Jahre 2003 hatte er sich mit einer Schrift „Studien zu Chinas konfuzianischer Erneuerung im zwanzigsten Jahrhundert“ habilitiert.

Unter der Leitung von Michael Lackner wurde in Erlangen die erste an einer deutschen Universität befindliche Prüfungsstelle des HSK (von chinesischer Seite organisierte und finanzierte Sprachprüfung für Chinesisch als Fremdsprache) und das Konfuzius-Institut Erlangen-Nürnberg, ein dem Goethe-Institut ähnliches Kulturinstitut, etabliert.

Im Zuge der Umgruppierung der Philosophischen Fakultäten wurde die Japanologie in Erlangen um den Lehrstuhl von Martina Schönbein erweitert. Martina Schönbein hatte Japanologie an der Universität Frankfurt am Main und in Tokyo studiert. 1997 habilitierte sie sich mit der Arbeit „Jahreszeitmotive in der japanischen Lyrik. Zur Kanonisierung der Kidai in der formativen Phase des Haikai im 17. Jahrhundert“. Martina Schönbein ist spezialisiert auf japanische Kultur und Literatur (insbesondere Drama und Prosa) in der Edo-Zeit und in der Neuzeit. 2003 bis 2007 hatte sie den Lehrstuhl für Japanologie an der Universität Würzburg inne, 2007 wurde sie an die Universität Erlangen-Nürnberg versetzt.

Die neueste Entwicklung in der Erlanger Sinologie ist die Teilnahme an einem interdisziplinären Projekt, das im Juli 2009 inauguriert wurde. Es trägt den Titel: „Schicksal, Freiheit und Prognose. Bewältigungsstrategien in Ostasien und Europa“. Das Projekt wird sich über mehrere Jahre erstrecken. Träger des Projekts sind Michael Lackner (Sinologie), Thomas Fröhlich (Sinologie) und Klaus Herbers (Lehrstuhl für Geschichte des Mittelalters).

Link zur Website des Internationalen Forschungskollegs für Geisteswissenschaftliche Forschung.

 

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